Einführung
Das Belastungsprofil beschreibt die gesamten äußeren und inneren Anforderungen, denen Athlet:innen während eines Boulder-Wettkampfs ausgesetzt sind. Es stellt das Ergebnis einer umfassenden Belastungsanalyse dar, die einen zentralen Bestandteil der Wettkampfdiagnostik bildet.
Ziel einer solchen Analyse ist es, sowohl die spezifische Struktur der äußeren Belastung als auch die individuellen physiologischen Beanspruchungsreaktionen der Athlet:innen zu erfassen und damit die Grundlage für eine evidenzbasierte Trainingsgestaltung zu schaffen, die den tatsächlichen Wettkampfanforderungen gerecht wird.
Doch was ist bislang über das Belastungsprofil im Wettkampfbouldern bekannt?
Um diese Frage zu beantworten, haben wir eine Literaturübersicht durchgeführt, in die ausschließlich Studien eingeschlossen wurden, die das Belastungsprofil entweder in realen Wettkämpfen oder in Simulationen untersucht haben, die dem Format aktueller internationaler Boulder-Wettkämpfe entsprechen oder diesem sehr nahekommen.
Äußere Belastungsstruktur
Boulder-Wettkämpfe sind durch eine zweifach intermittierende Belastungsstruktur gekennzeichnet, die maßgeblich durch das offizielle Wettkampfformat der IFSC geprägt ist. Auf einer Ebene wechseln sich Kletterphasen und Ruhephasen ab, während die Athlet:innen von einem Boulder zum nächsten rotieren. Auf einer zweiten Ebene besteht jede einzelne Kletterphase wiederum aus mehreren kurzen Versuchen, die durch kurze Pausen unterbrochen sind, wodurch es zu einer zusätzlichen Abfolge von Belastung und Erholung kommt. Dieses doppelte Intervallmuster führt zu einem komplexen Belastungsprofil, das hochintensive Belastungen mit sowohl kurzen als auch längeren Erholungsintervallen kombiniert.
In Qualifikations- und Halbfinalrunden treten die Athlet:innen in einem Rotationsformat an. Jede Person bearbeitet fünf Boulder (im Halbfinale vier) und verfügt jeweils über fünf Minuten, um einen Boulder zu lösen, gefolgt von fünf Minuten Pause, bevor zum nächsten Boulder gewechselt wird. Innerhalb dieser fünfminütigen Kletterphase können mehrere Versuche unternommen werden, wobei die Pausen zwischen den Versuchen selbstbestimmt gewählt werden. Diese Struktur führt zu einem schnellen Wechsel zwischen kurzen Phasen maximaler Kletterbelastung und kurzen Pausen, eingebettet in die durch das Rotationssystem vorgegebenen längeren Erholungsphasen zwischen den Bouldern.
In der Finalrunde wechselt das Wettkampfformat zu einem Athlet:in-für-Athlet:in-System, bei dem die Kletter:innen die Boulder nacheinander bearbeiten, während die übrigen Teilnehmenden in der Isolation warten. Jede Finalist:in hat vier Minuten Zeit, um einen Boulder zu lösen, anschließend folgt jedoch eine deutlich verlängerte Erholungsphase – in der Regel 20–25 Minuten –, während die anderen Athlet:innen ihre Versuche absolvieren.
Zur Analyse dieser äußeren Belastungsstruktur untersuchten Winkler et al. (2022) Videoaufzeichnungen aus zwei internationalen Wettkämpfen – dem IFSC Bouldering World Cup 2018 sowie den IFSC World Championships 2018. Innerhalb einer Kletterphase absolvierten die Athlet:innen im Durchschnitt 3–4 Versuche pro Boulder, wobei ein einzelner Versuch etwa 27 Sekunden dauerte und durch rund 32 Sekunden Pause voneinander getrennt war. Die gesamte aktive Kletterzeit pro Boulder betrug im Mittel etwa 70 Sekunden, während die Erholungszeiten zwischen den Bouldern in Qualifikation und Halbfinale bei rund 8 Minuten lagen und sich im Finale auf bis zu 22 Minuten verlängerten.
Einen anderen Ansatz verfolgten Künzell et al. (2021), die untersuchten, wie Elitekletter:innen ihre Strategie nach erfolglosen Versuchen anpassen. Die Autor:innen zeigten, dass die Erfolgswahrscheinlichkeit deutlich steigt, wenn Athlet:innen ihre Beta wechseln (Männer: 23 % vs. 5 %; Frauen: 22 % vs. 4 %), und dass Kletter:innen, die ihre Strategie häufiger anpassten, höhere Platzierungen in der Weltrangliste erreichten. Demnach verändern Elitekletter:innen ihre Beta häufiger und zeichnen sich durch eine ausgeprägte kreative Problemlösefähigkeit aus, mit der sie sich effektiv an die spezifischen Anforderungen der Boulder anpassen.
Obwohl bislang kein einheitliches Klassifikationssystem für Boulderarten existiert, zeigen sich in der Literatur dennoch konsistente Trends. Augste et al. (2021) analysierten die Halbfinal- und Finalrunden der Bouldering-Weltcups 2017 und 2018, um die Häufigkeitsverteilung sowie die Erfolgsquoten unterschiedlicher Boulderarten zu bestimmen. Die Klassifikation umfasste fünf Haupttypen – Dynamo-, Volumen-, Leisten-, Platten- und Mantleboulder. Den größten Anteil machten dynamische Boulder aus (≈ 52 %), gefolgt von Volumenbouldern (≈ 25 %), Leistenbouldern (≈ 10 %), Plattenbouldern (≈ 7 %) und Mantlebouldern (≈ 6 %).
Dabei zeigten die Top-20 der Weltrangliste signifikant höhere Erfolgsraten als niedriger platzierte Athlet:innen, insbesondere bei dynamischen Bouldern. Dies verdeutlicht, dass das Leistungsniveau einen entscheidenden Einfluss auf den Erfolg in hoch koordinativen Bewegungsaufgaben hat. Entsprechend betonen die Autor:innen, dass die Optimierung dynamischer Bewegungsausführung einen zentralen Trainingsschwerpunkt für Elite-Boulderer:innen darstellen sollte.
Ergänzende Befunde stammen von Ochoa-Marcos (2024), der die Halbfinal- und Finalrunden internationaler Wettkämpfe aus den Jahren 2019–2023 analysierte. Die Studie klassifizierte die Boulderprobleme nach Wandneigung (Slab), Intensitätsanforderungen, Koordinationsanforderungen sowie Komplexität. Komplexität wurde dabei als hohe Bewegungsanforderung aufgrund kleiner Griffgrößen, hoher physischer Belastung oder erhöhter Lese- und Entscheidungsanforderungen definiert – unabhängig vom Vorhandensein von Sprüngen oder expliziten Koordinationsbewegungen.
Bei Athletinnen stellte der intensitätsorientierte Bouldertyp den größten Anteil dar (43 %), wobei die dominierenden Schwierigkeiten in Koordination (45 %) und Komplexität (42 %) lagen. Die koordinativen Anforderungen verteilten sich auf Handkoordination (40 %), Hand-Fuß-Koordination (35 %), dynamische Sprünge (16 %) und Fußkoordination (8 %). Hinsichtlich der Griffarten wurden offene Griffpositionen (63 %) deutlich häufiger verwendet als geschlossene Griffe (37 %). Bei den männlichen Athleten dominierten im Halbfinale vor allem intensitätsorientierte Boulder (39 %), gefolgt von koordinativen Bouldern (32 %) sowie Plattenbouldern (27 %). In den Finalrunden verschob sich der Schwerpunkt hingegen deutlich hin zu komplexen (41 %) und koordinativen Bouldern (44 %).
Das koordinative Anforderungsprofil zeigte eine ähnliche Verteilung wie bei den Frauen und setzte sich aus Handkoordination (44 %), Hand-Fuß-Koordination (27 %), Sprungbewegungen (19 %) und Fußkoordination (8 %) zusammen. Hinsichtlich der Griffarten wurden überwiegend offene Griffpositionen (64 %) verwendet, zudem wiesen die Boulder eine leichte Rechtsausrichtung der Bewegungsrichtung (60 %) auf.
Internes Beanspruchungsprofil
Während die äußere Belastung die beobachtbare Struktur der Leistung beschreibt, spiegelt die innere Belastung die physiologische Reaktion der Athlet:innen auf diese äußeren Anforderungen wider. Studien, die Herzfrequenz, Sauerstoffaufnahme und Blutlaktatkonzentration analysieren, liefern wertvolle Einblicke in die kardiovaskuläre und metabolische Beanspruchung, die durch Wettkampfbouldern hervorgerufen wird.
La Torre et al. (2009) gehörten zu den ersten, die diese physiologischen Reaktionen im Rahmen simulierter Bouldering-Wettkämpfe untersuchten. Callendar et al. (2021) erweiterten diese Arbeiten später durch Analysen, die stärker an den aktuellen Wettkampfformaten der IFSC orientiert waren. Beide Studien zeigen konsistent, dass Bouldern trotz der kurzen Kletterphasen mit einer hohen kardiovaskulären Aktivierung sowie einem substanziellen Beitrag anaerober Energiebereitstellung einhergeht.
Spitzenherzfrequenzen erreichen im Wettkampf etwa 93 ± 8 % der altersabhängig geschätzten HR_max, was auf eine nahezu maximale kardiovaskuläre Beanspruchung hinweist. Zeit-Bewegungs-Analysen zeigen, dass Athlet:innen rund 25,9 % der gesamten Kletterzeit im Bereich von 70–85 % HR_max und 12 % oberhalb von 86 % HR_max verbringen. Die Herzfrequenz steigt über wiederholte Versuche innerhalb desselben Boulders kontinuierlich an und spiegelt damit die kumulative Belastung aufeinanderfolgender Belastungsphasen wider. Über den Verlauf des Wettkampfs hinweg zeigen Athletinnen eine graduelle Zunahme der Herzfrequenz, während sie bei Athleten weitgehend stabil bleibt, was auf geschlechtsspezifische Unterschiede in Regenerations- und Pacing-Strategien hindeutet.
Die durchschnittliche Sauerstoffaufnahme (VO₂_peak) erreicht beim Bouldern etwa 35–36 mL·kg⁻¹·min⁻¹, was 70–75 % der VO₂_max entspricht. Rund 23 % der Kletterzeit werden oberhalb der ventilatorischen Schwelle absolviert, was auf einen signifikanten anaeroben Beitrag zur Energiebereitstellung selbst bei kurzen Kletterbelastungen hinweist. Die Erholung verläuft jedoch rasch: Herzfrequenz und Atmung kehren in der Regel innerhalb von 2–4 Minuten nach einem Versuch wieder auf Ruhewerte zurück. Dies unterstreicht die zentrale Bedeutung einer gut ausgeprägten aeroben Regenerationsfähigkeit für wiederholte Leistungsabrufe im Wettkampfbouldern.
Ein spezifisches Merkmal des Boulderns ist die mechanische Einschränkung der Atmung. Durch Körperpositionen, die eine hohe Rumpfspannung und anhaltende isometrische Muskelkontraktionen erfordern, ist die Ausdehnung des Atemzugvolumens häufig limitiert, was die ventilatorische Effizienz kurzfristig reduziert. Dies unterstreicht die Bedeutung einer gezielten Atemtechnik sowie eines Trainings der Atemmuskulatur in der wettkampforientierten Vorbereitung.
Die Blutlaktatkonzentrationen nach dem Wettkampf liegen im Mittel bei 5,6–6,9 mmol·L⁻¹, wobei ein deutlicher Anstieg zu beobachten ist, sobald die Kletterdauer etwa 20 Sekunden überschreitet. Diese Werte sind vergleichbar mit den beim Leadklettern gemessenen Laktatkonzentrationen, liegen jedoch deutlich unter den Spitzenwerten von 14–25 mmol·L⁻¹, die typischerweise in anderen hochintensiven Sportarten berichtet werden. Die moderate Laktatakkumulation bei gleichzeitig rascher Elimination bestätigt das hybride metabolische Profil des Boulderns, das durch explosive anaerobe Belastungen gekennzeichnet ist, welche durch eine gut entwickelte aerobe Regenerationsfähigkeit unterstützt werden.
Zusammenfassend ist Bouldern durch kurze, hochintensive und metabolisch gemischte Belastungen gekennzeichnet, bei denen nahezu maximale kardiovaskuläre Reaktionen mit schnellen Erholungskinetiken einhergehen. Eine effektive Wettkampfleistung hängt daher nicht nur von maximaler Kraft und Power ab, sondern ebenso von der Fähigkeit, das physiologische Gleichgewicht schnell wiederherzustellen, unter muskulärer Spannung eine effiziente Ventilation aufrechtzuerhalten und wiederholt hochintensive Belastungen über mehrere Runden hinweg zu tolerieren.
Implikationen für die Trainingspraxis
Die intermittierende Wettkampfstruktur, die kurzen maximalen Kletterbelastungen, die begrenzte Erholung zwischen den Versuchen sowie die hohen koordinativen Anforderungen erfordern einen Trainingsansatz, der gezielt Explosivkraft, Regenerationseffizienz, technische Variabilität und taktische Entscheidungsfähigkeit adressiert. Die folgenden Empfehlungen leiten sich unmittelbar aus den im Wettkampf beobachteten Belastungsmerkmalen ab.
1. Hoch-intensives Training
Da Wettkampfversuche aus kurzen Phasen nahezu maximaler Kletterbelastung bestehen, sollte das Training regelmäßig hochintensive Einzelbelastungen mit einem klaren Fokus auf maximale und explosive Kraftentwicklung beinhalten. Geeignete Trainingsformate sind unter anderem:
- 3–4 Sätze bestehend aus 10–30 s hoch-intensiven Belastungen
Dieser Ansatz spiegelt die physiologische Beanspruchung im Wettkampf unmittelbar wider und fördert die Fähigkeit, leistungs- und kraftintensive Bewegungssequenzen auch unter Ermüdung wiederholt abzurufen.
2. Intermittierendes Intervalltraining zur Abbildung des Wettkampfrhythmus
Intervallstrukturen eignen sich besonders gut, um die kurzen Kletterphasen mit anschließender unvollständiger Erholung, wie sie im Wettkampfbouldern auftreten, gezielt zu simulieren. Trainingseinheiten sollten daher wiederholte Versuche mit kontrollierten Pausen beinhalten, um die Fähigkeit zu schulen, sich schnell zu erholen und gleichzeitig eine hohe Bewegungsqualität aufrechtzuerhalten.
3. Aerobe Grundlagenausdauer zur Verbesserung der Regenerationsfähigkeit
Obwohl Bouldern in hohem Maße von anaerober Leistungsfähigkeit geprägt ist, hängt sowohl die muskuläre als auch die kardiopulmonale Regeneration wesentlich von der aeroben Leistungsfähigkeit ab. Eine verbesserte aerobe Kapazität unterstützt die Laktatelimination und ermöglicht es Kletter:innen, sich zwischen einzelnen Versuchen, zwischen den Bouldern sowie über mehrere Wettkampfrunden hinweg effektiv zu erholen.
4. Wettkampfsimulationen unter hoher metabolischer und kognitiver Beanspruchung
Um die physiologischen Anforderungen gezielt mit der Leistungsausführung zu verknüpfen, sollten Athlet:innen regelmäßig unter wettkampfnahen Bedingungen trainieren, die die Zeitstruktur, die Limitation der maximalen Anzahl an Versuchen und der psychische Druck realer Wettkampfrunden reproduziert werden. Dieser Ansatz schult nicht nur die physische Leistungsfähigkeit, sondern ebenso Technik, Entscheidungsfindung und taktisches Pacing unter erhöhter Herzfrequenz und metabolischer Belastung.
5. Atemmechanik unter Belastung
Da die Atmung im Bouldern häufig durch hohe Körperspannung und isometrische Haltearbeit eingeschränkt ist, sollte das Training gezielt Aufgaben zur Kontrolle der Atmung unter hoher muskulärer Belastung beinhalten. Dies unterstützt die Sauerstoffversorgung während der Versuche und beschleunigt die Erholung zwischen diesen.
6. Technische Anforderungen und Auswahl von Betas
Der Erfolg im Bouldern hängt maßgeblich von der Fähigkeit ab, mehrere Lösungsstrategien für dieselbe Bewegungsaufgabe zu entwickeln. Entsprechend sollte das Training insbesondere priorisieren:
- Entwickle ein großes Bewegungsrepertoire
- Einüben alternativer Betas
- die Planung der Versuchsstrategie sowie das antizipierende Entwickeln eines „Plan B“
- das bewusste Management eines „Versuchsbudgets“, analog zum Pacing im Wettkampf.
7. Boulderspezifisches Koordinationstraining
Da das Weltcup-Bouldern überwiegend von intensitäts-, komplexitäts- und koordinationsbasierten Bouldern geprägt ist, sollten die Trainingsschwerpunkte diese Anforderungsprofile widerspiegeln. Die technische Entwicklung sollte sich dabei insbesondere fokussieren auf:
Handkoordination > Hand-Fußkoordination > Sprünge > Fußkoordination entsprechend das in Wettkampfsituationen am häufigsten beobachtete koordinative Anforderungsprofil.
Quellenangaben
Augste, C., Sponar, P., & Winkler, M. (2021). Athletes’ performance in different boulder types at international bouldering competitions. International Journal of Performance Analysis in Sport, 21(3), 409–420. https://doi.org/10.1080/24748668.2021.1907728
Callender, N. A., Hayes, T. N., & Tiller, N. B. (2021). Cardiorespiratory demands of competitive rock climbing. Applied Physiology, Nutrition, and Metabolism, 46(2), 161–168. https://doi.org/10.1139/apnm-2020-0566
Künzell, S., Thomiczek, J., Winkler, M., & Müller, E. (2021). Finding new creative solutions is a key component in world-class competitive bouldering. German Journal of Exercise and Sport Research, 51, 112–115. https://doi.org/10.1007/s12662-020-00680-9
La Torre, A., Crespi, D., Serpiello, F. R., & Merati, G. (2009). Heart rate and blood lactate evaluation in bouldering elite athletes. The Journal of Sports Medicine and Physical Fitness, 49(1), 19–24.
Ochoa-Marcos, I. (2024). Performance characteristics and movement classification in international competition bouldering [Unpublished manuscript]. https://drive.google.com/file/d/19XMjt0fcOf0-1LnqPaPzwMgGPCej_cNZ/view
Winkler, M., Künzell, S., & Augste, C. (2022). The load structure in international competitive climbing. Frontiers in Sports and Active Living, 4, 790336. https://doi.org/10.3389/fspor.2022.790336
